Netzwerk-CM Schweiz

Netzwerk Case Management Schweiz ist ein Verein von im Gesundheits-, Sozial- und Versicherungsbereich tätigen Personen und Institutionen, die mit der Methode des Case Management arbeiten.

Dank Achtsamkeit Life-Balance im Lot

Claudia Merki - 18. Juni 2013

Am Abend des 6. Juni 2013 fand an der Pädagogischen Hochschule Zürich der 3. Firmenmitgliederanlass, organisiert vom Verein Netzwerk Case Management, statt. Jeannine Born hielt zum Thema „Achtsamkeit – das kraftvolle Werkzeug im Selbstmanagement“ nicht nur ein Referat, sondern lud die Teilnehmenden in einer kurzen Achtsamkeitsübung gleich „zum aktiven nicht Tun“ ein. Keine einfache Sache, wie viel Beschäftigte wissen - am Ende eines Arbeitstages jedoch eine willkommene Verschnaufpause. Und um den Schnauf bzw. den Atem ging es denn auch in der ersten Übungssequenz. So bat die Psychologin, Psychotherapeutin und lizenzierte MBSR-Lehrerin (Mindfulness-Based Stress Reduction) die Anwesenden, sich für eine Weile auf den Atem zu konzentrieren, dann auf den ganzen Körper und zum Schluss wieder auf den Atem.

Viele Menschen würden ihren Körper vor lauter Stress auf verschiedenen Ebenen gar nicht mehr richtig wahrnehmen, meinte Born, sondern oft bloss nur „als lästiges Anhängsel zwischen Kopf und Füssen, das es zu duschen gilt“. Einerseits sollten wir den schnelllebigen Alltag im Beruf wie im Privatleben meistern, anderseits dabei unsere Gesundheit und Produktivität erhalten. Eine schwierige, für manche auf Dauer nicht lösbare Aufgabe, betrachtet man die zunehmende Zahl von Patienten mit Angstzuständen, Burnouts und Depressionen.

Der Anspruch des klinisch erprobten Ansatzes der Achtsamkeit MBSR besteht darin, „ein einfaches, im Alltag anwendbares und kraftvolles Werkzeug zum Erhalt der eigenen Stabilität und Gesundheit zu bieten“. Mit dem Einsatz von Achtsamkeit könne eine nachhaltig wirksame, positive Veränderung eingeleitet und die individuelle und betriebliche Gesundheit aktiv gefördert werden.

 

Frau Born: Wäre alles so einfach, gäbe es weniger Depressionen, Burnouts, Angststörungen etc.

Gesundheit ist etwas, das immer wieder aktiv hergestellt werden muss. Viele Menschen merken erst spät oder zu spät, wie schlecht es ihnen geht und finden nicht mehr alleine aus dem Strudel heraus. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass die Menschen immer wieder von diesen Stressfolgekrankheiten und den Psychosomatischen Beschwerden, aber auch von den positiven Effekten der Achtsamkeit hören und lesen. Diese sind wissenschaftlich erwiesen, ebenso wie die Tatsache, dass regelmässiges Üben funktionale und strukturelle Veränderungen im Gehirn bewirken. Das Wahrnehmen der Stress-Symptome und das ehrliche Hinschauen, in welcher Situation man sich befindet, sind wichtige Voraussetzungen, um die Life-Balance wieder ins Lot zu bringen. Achtsamkeit fördert dieses Wahrnehmen.

 

Dazu, wie wir die Life-Balance im Lot halten könnten, gibt es Tipps in Hülle und Fülle: Gesund essen, genügend Bewegung, das Pflegen sozialer Kontakte etc. Es ist Paradox: Trotz dieses Wissens schaffen es die meisten Menschen nicht, eine Balance herzustellen, eben weil ihnen die Zeit fehlt. Kommt hinzu, dass in einem Kurs gelerntes theoretisches Wissen über eine sinnvolle Verhaltensänderung selten, wenn überhaupt, lange in der Praxis angewendet wird. Die Befürchtung liegt nahe, dass dies auch nach einem MBSR-Kurs so ist.

Was meiner Meinung nach den Unterschied zu anderen Kursen ausmacht ist, dass im Zentrum das praktische Üben und die eigenen Erfahrungen damit stehen, sei es im Kurs oder zu Hause aber auch der Austausch untereinander. Die Menschen merken, dass sie mit ihren manchmal schwierigen Erfahrungen nicht allein sind, und das kann entlastend sein. Etwas Theorie gehört aber dazu, sie ist wichtig für die Einbettung, aber nicht zentral. Auch der Transfer der Achtsamkeit in den Alltag ist ein wichtiger Teil. Ich schaue dies mit den Teilnehmenden intensiv an. Denn dahinter steht ja letztlich die Frage, ob jemand bereit ist, etwas zu verändern, zum Beispiel indem er oder sie den stressigen Alltag, und sei es nur für kurze Momente, bewusst unterbricht. Viele Menschen, die regelmässig im Alltag üben, merken, wie gut es tut. Selbstdisziplin und Beharrlichkeit helfen natürlich dabei.

 

Der „klinisch erprobte Ansatz der Achtsamkeit MBSR“ verspricht „ein einfaches, im Alltag anwendbares und kraftvolles Werkzeug zum Erhalt der eigenen Stabilität und Gesundheit“. Was muss man sich unter diesem Werkzeug vorstellen und wie wendet man es in der Praxis erfolgreich an?

Es geht dabei um formal längere Übungen wie der Bodyscan, die Sitzmeditation und Yoga, aber auch um kürzere informelle Übungen wie eine Kaffeemaschinen- oder Dusch-Meditation oder bewusstes Ein- und Ausatmen, während der Computer hochfährt. Was sich ebenfalls gut in den Alltag integrieren lässt ist eine Gehmeditation während man zur Bushaltestelle läuft. Statt den Weg gedankenverloren abzuspulen ist es das Ziel, jeden Schritt ganz bewusst und im Kontakt mit sich zu tun.

 

Welche Übung macht man sinnvollerweise bei einer Kaffeemaschinen- oder Dusch-Meditation?

Auch hier geht es um das bewusste Tun. Während der Kaffee in die Tasse rinnt, können Sie entweder nervös daneben stehen und sich aufregen, dass die Maschine den Kaffee so langsam hergibt, oder sie können die Aufmerksamkeit auf den Duft des Kaffees und auf die eigenen Körperempfindungen lenken und diesen kurzen Moment zum bewussten Innehalten nutzen. Beim Duschen ist es ja so, dass man häufig ganz mechanisch den Körper reinigt. Auch diesem Vorgang können wir die ganze Aufmerksamkeit schenken, indem wir verspannte Stellen genauso wahrnehmen wie angenehme. Vielleicht gelingt es sogar, die Dusche auf kalt zu stellen und den Effekt des kalten Wassers auf der Haut zu erforschen. Dies gibt einen ganz anderen Kontakt zu sich selbst.

 

Zu Ihren Kunden gehören nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Teams und Unternehmen. Wissen Sie von Firmen bzw. deren Mitarbeitenden, welche nach einem Kurs bei Ihnen das Gelernte tatsächlich und anhaltend im Alltag anwenden?

Ich weiss von keinen Firmen, welche dies auf institutioneller Ebene anhaltend im Alltag anwenden. Aber ich kenne sehr viele Kursteilnehmenden, die Achtsamkeit nicht nur als Haltung, sondern auch mit täglichem Innehalten am Arbeitsplatz leben und merken, dass dies für sie einen echten Unterschied macht.

 

Könnten Sie ein Beispiel machen?

Solche Leute kommen abends nicht mehr so kaputt nach Hause, weil sie nicht mehr dauernd drei Sachen aufs Mal erledigen, sondern bewusst Prioritäten setzen. Andere konnten eine bessere Beziehungsqualität zu Kollegen und Vorgesetzten herbeiführen.

 

Bei den MBSR-Kursen geht es auch um die „betriebliche Gesundheit“. Wie messen sie diese?

Wir geben einen Evaluationsbogen mit, worin wir auch nach Veränderungen im Betrieb fragen. Wir staunen immer wieder über die Auswirkungen. Zwei Beispiele: eine Führungskraft reagierte im Kontakt mit seinen Mitarbeitenden häufig nervös und aggressiv. Es wurde von ihm verlangt, dass er sein Verhalten, das ihm kaum bewusst war, verändert. Durch die Achtsamkeit hat er gemerkt, wie genau er Hektik verbreitet und dass bei manchen Stichworten Angst- und Bedrohungsgedanken aufkamen. Diese lösten bei ihm reflexartig eine aggressive Verteidigungshaltung aus. Erst nachdem er dies bewusst wahrgenommen hatte, konnte er sein Verhalten ändern. Davon profitierte seine ganze Abteilung. Das andere Beispiel handelt von einer jungen Frau, die sich nicht traute, „nein“ zu sagen. Selbst als sie mit Arbeit schon eingedeckt war, nahm sie weitere an. Sie zog sich immer mehr zurück, um den Arbeitsberg abzutragen, ging nicht mehr mit den Bürokollegen in die Pause oder zum Mittagessen. Sie wollte es allen recht machen und wunderte sich, dass sich die Beziehungen trotzdem verschlechterten. Auch ihr war der Antreiber Ihres Handelns nicht bekannt. Durch Achtsamkeitstraining hat auch sie gemerkt, wie sie gewohnheitsmässig ihre Muster abspult. Jetzt wendet sie bewusst neue Verhaltensweisen an: Sie ist freundlicher mit sich selbst, wehrt manchmal Arbeit ab und geht stattdessen mit Kollegen in die Pause. Heute geht es nicht nur ihr, sondern dem ganzen Team besser.

 

Inwiefern soll ein zeitgemässer Arbeitgeber – von den gesetzlichen Verpflichtungen einmal abgesehen – hinsichtlich der Gesundheitsförderung seiner Mitarbeitenden in die Pflicht genommen werden und Mitverantwortung tragen?

Arbeitgeber haben sehr viel Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeitenden und ich begrüsse es, wenn sie mit einem betrieblichen Gesundheitsmanagement Verantwortung übernehmen. Wichtig dabei ist, dass sie ein differenziertes Angebot zur Verfügung stellen und die Vorgesetzten ihre Vorbildfunktion wahr nehmen. Gelebte Firmenwerte sind zentral für die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens. Es geht nicht an, dass Firmen unter dem Deckmantel der betrieblichen Gesundheitsförderung noch mehr aus den Mitarbeitenden herausholen wollen. Jeder Arbeitnehmende soll aber auch selbst Verantwortung übernehmen. Langfristig existieren nur gesunde Betriebe mit gesunden Mitarbeitenden.

 

Jeannine Born, Machtbewusstsein, Institut für Identität und Entwicklung, Zürich, http://machtbewusstsein.ch/

MBSR 8-Wochen-Training: http://machtbewusstsein.ch/achtsamkeit

born@machtbewusstsein.ch

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Foto: Claudia Merki

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